Freundeskreis Oberland e.V.

Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige, deren Partner und Angehörige

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Weihnachtserzählungen

Mit dem Beginn der Adventszeit lesen oder hören wir häufig bekannte und weniger bekannte weihnachtliche Geschichten mit nachdenklichen, ernsten, traurigen auch lustigen Inhalten und Hintergründen. Meine ganz persönliche Favoriten-Weihnachtsgeschichte ist seit 10 Jahren die folgende (ich veröffentliche sie auf unserer Homepage ungekürzt, in der Hoffnung, dass sich einige geneigte Leser in dieser doch oft hektischen Vorweihnachtszeit, Zeit nehmen, sie aufmerksam zu lesen):

Heiligabend 1948

Der neunjährige Junge wartet mit seinen anderen sechs Geschwistern in der kalten Küche auf das Läuten des Weihnachtsglöckchens, das zur Bescherung ruft. Heute dauert es ziemlich lange. Es ist schon 20 Uhr und die Mutter ist immer noch nicht da. Sie ist im Krankenhaus bei seinem Bruder Rolf. Dem geht es ziemlich schlecht. Der Arzt hatte sie ins Krankenhaus gerufen. Seit den frühen Nachmittagstunden ist sie schon dort. Wann kommt sie endlich nach Hause, denkt der Junge. Wie lange das dauert. Gestern ging es Rolf noch gut, sagte sie noch heute Morgen. Die Zeit vergeht nicht und in der Küche wird es immer kälter, die Feuerung ist knapp. Auch seine Geschwister frieren, haben keine Lust, etwas Weihnachtliches zu singen. Es wird nur geflüstert. Und in der Stube ist es so schön warm, denkt der Junge.
Der Vater öffnet die Stubentür, schaut in die Runde und fragt barsch: „Mutter noch nicht da?" Der Junge erkennt sofort, dass Vater wieder getrunken hat. Ziemlich sogar! Seit heute Vormittag trinkt er ja schon. Der Junge hat einen Blick dafür. Schon lange beobachtet er diese Veränderung beim Vater. Nur heute ist es so anders. Fast gleichzeitig antworten alle Kinder „Mutter ist noch nicht da." Wütend schließt der Vater die Tür. „Geht gleich los", sagt er noch. Wie das dauert, Mutter kommt und kommt nicht. Die Kinder werden immer ungeduldiger, die Spannung wird unerträglich. Der Vater läutet und ein merkliches Leuchten ist in den Augen der Kinder zu sehen. Sie gehen in die Stube. Zuerst die kleinsten und dann dem Alter nach einer nach dem anderen. Wie die Orgelpfeifen, hat der Vater immer gemeint. Der Junge ist der Dritte. Im Halbkreis stellen sie sich vor den Baum. Es ist ein schöner Baum. Gerade gewachsen und bis zur Decke reicht er.
Vater hat wieder einen guten erwischt, denkt der Junge. Aber das war ja in jedem Jahr so. Vater hatte immer den besten. Jetzt funkelt der Baum im Kerzenlicht und Baumschmuck. Lustig prasseln die Wunderkerzen und spiegeln sich in den Augen der Kinder und der Baumkugeln wider. „Oh, du fröhliche, oh du selige ...", singen die Kinder. Der Junge singt mit, aber nur mit den Lippen. Keinen Ton kann er von sich geben. Wild drückt er eine Ecke seines Taschentuches unter seinen Fingernagel des Daumens. Sein Inneres krampft sich zusammen. Sein Hals ist wie zugeschnürt. Mühsam unterdrückt er das Weinen. Ihm stehen die Tränen in den Augen, aber er weint nicht. Tapfer hält er durch. Nun muss jedes Kind ein Gedicht aufsagen und empfängt danach sein Geschenk. Die beiden Geschwister vor ihm sind schon beim Auspacken der Geschenke. Der Junge will gerade mit seinem Vers beginnen, da stürzt die Mutter schwer atmend zur Stube herein. Sehr aufgeregt und fassungslos ist sie. „Setzt euch alle mal hier her", sagt sie. Schluchzend erzählt sie dann, dass der Bruder Rolf tot ist. „Er ist ganz still gestorben. Als wenn er noch etwas sagen wollte, so hat er mich angeschaut. Ich habe ihm die Augen zugemacht." Ihr Kopf fällt auf ihre Arme und sie fängt laut an zu weinen. Alle sind still. Nur der Junge schreit: „Nein, das ist nicht wahr! Du hast gestern noch gesagt, dass es ihm gut geht, stimmt's? Er ist nicht tot, Mutter, nein ..."
Der Junge bebt am ganzen Körper, er kann es nicht glauben. Er hing an seinem Bruder, mochte ihn von allen Geschwistern am liebsten. Vor kurzem hatte der ihm noch seine Operationswunde unter dem linken Schulterblatt gezeigt. Hat sie scherzhaft Durch-schuss genannt. Aber dieses Loch war eine Öffnung zur Lunge, wo das Wundwasser ablaufen konnte. Er hatte Tuberkulose. Der Junge weiß nichts von dieser Krankheit. Auch weiß er nicht, dass sein Bruder schon die Wirkung vom Schnaps kannte und deswegen auch schon einige Male aus dem Krankenhaus ausgerissen war, um sich eine Flasche zu besorgen. „Dieser Mistkerl hat selber Schuld", schreit der Vater außer sich vor Wut. Er fuchtelt wie wild mit der fast leeren Schnapsflasche herum. „Hätte ich ihn nur schärfer angefasst, ihn strenger gehalten, diesen Misthund!" Bei diesen Worten wischt er sich mit der Hand den Schaum aus den Mundwinkeln, mit der anderen greift er den geschmückten Tannenbaum und schleudert ihn mit großer Kraft in die Ofenecke. Erschrocken schreien die Kinder „Vater, Vater!" Doch der schleudert noch die Schnapsflasche nach dem schon brennenden Tannenbaum. Mit lautem Knall wirft er die Küchentür zu und verschwindet.
Stille im Raum. Nur das Schluchzen der Mutter und das bedrohliche Knistern des brennenden Christbaumes sind zu hören. Mehr instinktiv als überlegt handelnd läuft der Junge in die Küche, holt Wasser und beginnt, den Brand zu löschen. Später dann steht er bei den verkohlten Resten des Baumes und schaut auf Mutter und Geschwister. Mutter hat noch immer den Kopf auf ihren Armen und weint bitterlich. Auch die Geschwister schluchzen leise, verstehen nicht. Der Junge kann nicht weinen, sein Hals ist zugeschnürt. Düster und sehr traurig geht sein Blick in die Runde. Gut, dass keiner ihn ansieht. „Oh, du fröhliche ...", denkt er noch.

Diese Geschichte hat mich als Alkoholabhängigen beim ersten Lesen sehr berührt und vielleicht ist es Euch ebenso ergangen. Sie stammt aus der Feder meines, leider viel zu früh verstorbenen, lieben Freundes Horst Christensen aus Hoyerswerda und seinem autobiographischen Roman „Bittere Erkenntnis“.
Einige werden sich an „unseren Horst“ und sein Verbundenheit und Verdienste um die Suchtkrankenselbsthilfe sicher erinnern und ihm ebenso ein ehrendes Gedächtnis bewahren.
Vor wenigen Tagen haben wir, wie nun schon seit 20 Jahren, mit den Teilnehmern unserer Suchtselbsthilfegruppen in der JVA in Bautzen unsere diesjährige Weihnachtsfeier gestaltet. Den Gefangenen lese ich schon seit 2002 die vorstehende Erzählung während der Weihnachtsfeiern vor und habe immer aufmerksame und nachdenkliche Zuhörer erleben können. In diesem Jahr entwickelte sich nach dem Vorlesen sofort ein spontanes Gruppengespräch über den Inhalt und über eigene Kindheitserlebnisse in der Weihnachtszeit, was eigentlich gar nicht eingeplant war.

Liebe Freundinne und Freunde!
In diesen Tagen erreichen uns unzählige Wünsche für die Festtage, für das anstehende Jahr 2013 und wir wissen natürlich, dass nicht alle in Erfüllung gehen werden.
Natürlich schließe ich mich all diesen guten Wünschen an. Wenn ich uns aber besonders eine, unsere zufriedene Abstinenz unterstützende, interessante „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Jahr 2013 wünsche, geht dieser Wunsch mit Sicherheit in Erfüllung, wenn wir gemeinsam unseren Optimismus, unsere Kraft einsetzen und die eigenen bitteren Erfahrungen nicht vergessen.
Das wünscht sich und Euch
Euer Dieter Sonnleitner


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